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Impfen lassen:

Ja - nein - vielleicht?

Viele Polizist*innen sind bereits geimpft. Einige litten an Nebenwirkungen, die zu Krankschreibungen führten. Andere warten noch auf ein Angebot bzw. möchten keinen Gebrauch davon machen. Die Debatte ums Impfen beinhaltet viele moralische Aspekte. Fragen beschäftigen: Wenn überhaupt, mit welchem Impfstoff werde ich geimpft? Was ist, wenn ich keine Wahl habe? ´Abwarten wollen` bis noch mehr Forschungssicherheit besteht ist ebenfalls eine nachvollziehbare Überlegung.

Impfzentrum Frankfurt/Main
Impfzentrum Frankfurt/M.-Foto: W.Hinz

Die Gesundheit ist zur Ausübung des Dienstes für einen Polizisten und eine Polizistin wesentlich und existentiell. Ihre Gefährdung oder mögliche Einschränkung hat weitreichende Folgen. Verständlich, dass Abwägungen getroffen werden: In welchem Verhältnis stehen mein persönlicher Schutz und die Solidargemeinschaft? Wie hoch ist das Risiko einer Erkrankung gegenüber dem Risiko von Nebenwirkungen eines Impfstoffs? Reicht meine Vorsicht nicht, sondern zwingt mich die Rücksichtslosigkeit mancher Querdenker*innen mich impfen zu lassen ? Dieser Fragenkatalog ließe sich fortsetzen.

Ich bin der Biochemikerin Katalin Karikó für ihre unermüdliche jahrzehntelange Forschung, die trotz erheblicher Widerstände und persönlicher Niederlagen die Grundlage für den modernen mRNA-Impfstoff legte, sehr dankbar. Aber wie es aussieht, wird AstraZeneca auf mich warten. Immerhin ein Mittel mit einer Non Profit Geschichte! Auch ich teile Bedenken wegen möglicher Thrombosen. Dieses Risiko liegt bei einer Erkrankung an Covid 19 nach meinem Kenntnisstand jedoch viel höher. Und selbst wenn der Schutzfaktor von AstraZeneca geringer als der von anderen Impfstoffen ist, warte ich auf einen Termin.

Gibt es Hilfen zur Entscheidungsfindung ? Informieren und diskutieren, auf sich und das Umfeld achten. Ein Glaubenszeuge vergangener Tage, der Reformator Martin Luther, äußerte sich zur Pest 1527 in Wittenberg wie folgt: "Wenn Gott tödliche Seuchen schickt, will ich Gott bitten, gnädig zu sein und der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen, Orte meiden, wo man mich nicht braucht, damit ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werde. Wenn mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und Gott nicht versucht." Diese Gedanken zeugen von Vernunft, Vertrauen und Nächstenliebe.

Ich wünsche Ihnen eine Entscheidung, mit der Sie gut leben können. Doch sollte uns die Impfdebatte nicht vorrangig bestimmen. Die Pandemie hat verstärkt viel Leid und Ungerechtigkeit offenbart. Wir brauchen unsere gebündelte Kraft dagegen anzugehen.

Barbara Görich-Reinel, Polizeipfarrerin