Home Polizeipfarramt der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau Evangelische Kirche in Hessen und Nassau

Archiv: Texte

Weihnachten in Sicht?!

Zum Christfest 2021

Tafel des Annenaltars, 15.Jhd. - Historisches Museum Frankfurt - Foto: W.Hinz
Tafel des Annenaltars, 15.Jhd. - Historisches Museum Frankfurt - Foto: W.Hinz

Bisweilen möchte man daran zweifeln. Das Jahr steuert zwar unweigerlich auf die Festtage zu, unsere Vorfreude aber ist verhalten. Zum zweiten Mal scheint Covid-19 Weihnachten zu dominieren. Die Inzidenzen sind hoch, die Impfbereitschaft mäßig. In Kultur- und Geschäftswelt bangt man angesichts von 3G, 2G oder 2G+ um Resonanz und Umsätze, Weihnachtsmärkte dümpeln vor sich hin oder werden ganz abgesagt. Kontaktbeschränkungen drohen und damit polizeiliche Sondereinsätze. Die Leichtigkeit vergangener Jahre fehlt oder ist doch zumindest getrübt. Zu viele Sorgen, wenig Zauber.

Eine Tafel des Frankfurter Annenaltars aus dem 15. Jahrhundert, heute im Historischen Museum zu besichtigen, passt zu dieser Stimmung. In monotoner Graumalerei werden zwei Männer und ein Knabe präsentiert, alle geschäftig, aber eher für sich. Auf der einen Seite ein Bischof, vertieft in seine Lektüre: Gregor, ein sogenannter Kirchenvater. Auf der anderen Josef, der Überlieferung nach Zimmermann und Ziehvater Jesu. Sein Schuhwerk fällt ins Auge, sogenannte Trippen. Hölzerne Sandalen mit hohen Absätzen, die es Stadtbewohnern im Mittelalter erlaubten, sauberen Fußes verdreckte Gassen zu passieren. Sein Blick ruht auf dem Knaben, 3, höchstens 4 Jahre alt. Er führt ihn an der Hand, barfuß, nur mit einem Hemdchen bekleidet. Für den Betrachter - zumindest damals - eine ziemlich alltägliche Szene, die nichts beschönigt. Das passende Motiv für die Außen-, die Alltagsseite eines Flügelalters, dessen farbenfrohes Innere sich nur zu Festtagen öffnete. Nichts Ungewöhnliches also, wenn, ja, wenn da nicht dieser Knabe aus dem tristen Rahmen träte und uns mit seinem Steckenpferd anrührte.

Ein solches Attribut ist für Jesus, denn um ihn handelt es sich (JHS ist sein Kürzel), schon eine Besonderheit. Keine Krippe und kein Kreuz werden ihm hier an die Seite gestellt, sondern ein Steckenpferd. Für einen kleinen Zimmermannssohn wohl naheliegend, für einen Gottessohn eher überraschend. Dass Gott in diesem einen der Welt und uns ganz nahekommen will, erschließt sich so bei eingehender Betrachtung auch Vierjährigen. Und: der Junge sieht etwas, das die Erwachsenen, in ihre eigenen Geschäfte vertieft, nicht sehen. Sein Blick geht in die Weite, raus aus dem Bild, in unsere, die Sphäre der Betrachter, vielleicht noch weiter? Was könnte es da für ihn zu sehen geben?

Kinder haben ihren eigenen Blick auf die Welt. Sie halten mehr für möglich als die Großen, auch Phantastisches. Ihr Fokus ist ein eigener, der manches ausblendet und Realitäten anders gewichtet. Eine "behütete Kindheit" bedarf wohl der Umsicht der Erwachsenen, aber ebenso der Freiräume, die Kindern Platz lassen für ihren eigenen Kosmos. Gerade an Weihnachten zügeln viele Erwachsene ihre Skepsis, spielen mit, um den Kleinen die Weihnachtsfreude nicht zu verderben. Vielleicht aber auch deshalb, weil sie über deren Begeisterung noch einmal Anteil nehmen an einer Welt, der sie entwachsen sind oder zu sein meinen. Nach Jahren weihnachtlicher Abstinenz knüpft manch frischgebackener Familienvater Heilig Abend wieder an die Gebräuche seiner Kindheit an, 1:1, nur um der Kinder willen!?

Dass Gott es gut mit uns meint, entgegen manchem Augenschein, ist eine weihnachtliche Einsicht, die auch für Kinder nicht nur an den Geschenken hängt. Ihr zu folgen ist das Dümmste nicht, wenn der Grauschleier sich lüften soll. Weihnachten kommt, so oder so. Die Flügel werden offenstehen.

Farbenfrohe Weihnachten und ein gesegnetes neues Jahr!

Ltd. Polizeipfarrer Wolfgang Hinz