Home Polizeipfarramt der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau Evangelische Kirche in Hessen und Nassau

Archiv: Texte

Unparteiischer Garant

Sabine Christe-Philippi und Dr.Martin Schulz-Rauch am Stand der Polizeiseelsorge
Sabine Christe-Philippi und Dr.Martin Schulz-Rauch am Stand der Polizeiseelsorge

Andacht bei Tag der offenen Tür des PP Westhessen

Wiesbaden 28.8.2018

"Wir sind ein unparteiischer Garant für Demokratie und Menschenrechte".

So lautet gleich der erste Satz im Leitbild der hessischen Polizei. Die Polizei leistet mit ihren Mitteln einen fundamentalen Beitrag, daß wir in einer Demokratie leben können, in der unsere Menschenrechte geachtet und geschützt werden. Wir können frei unsere Meinung äußern und nach unseren eigenen Präferenzen und Vorlieben leben - und wir können darauf vertrauen, daß unser Leben und unser Eigentum geschützt wird vor Raub und fremden Zugriffen. Wir könnten also das zentrale Motto des Leitbildes mit einem Satz aus der Bibel auch so umschreiben: "Lass Dich vom Bösen nicht überwinden".

Das Böse - also alles, was uns schadet, was uns verletzt und behindert, was uns Lebenschancen raubt und Perspektiven zerstört - das Böse in all seinen Facetten: Es darf keine Macht über uns gewinnen. Konkret erleben wir das momentan bei jedem terroristischen Angriff: Zutiefst boshafte Gewalt gegen Wehrlose, abartige Lust an der Zerstörung unserer wertvollsten Güter, abscheuliche Machtphantasien im Namen einer altehrwürdigen Religion - das ist das Böse in Reinkultur. Aber dadurch lassen wir uns nicht beugen. "Lass Dich vom Bösen nicht überwinden". Ich staune immer wieder über die Erfolge gerade auch der polizeilichen Tätigkeit: Sie hat in den vergangenen Jahren fast durchgängig - leider können wir nur sagen "fast durchgängig" - dafür gesorgt, daß wir von dieser Art von Angriffen auf Leben, Gesundheit, Freiheit und unsere Werteordnung weitgehend verschont geblieben sind.

Doch das Wort des Apostel Paulus aus dem Römerbrief geht noch weiter: "Lass Dich vom Bösen nicht überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem". Das Böse bekämpfen - ja! Aber nicht mit bösen Mittel. Das Böse bekämpfen - mit dem Guten: Das ist die große Herausforderung unseres Rechtsstaat. Oder um es mit dem zweiten Satz aus dem Leitbild zu formulieren: "Recht und Gesetz sind Grundlage unseres Handelns". Nicht jedes Mittel nämlich ist recht, um ein gutes Ziel zu erreichen. Niemals kann der Zweck die Mittel heiligen. Das ist oft sehr schwer: Fair bleiben, wo man unfair behandelt wird; Toleranz üben, wo die Intoleranz sich ausbreitet; recht handeln auch dann, wenn man taktisch ins Hintertreffen gerät. Polizisten wissen nur zu gut, daß manchmal robustere Mittel hilfreich sein könnten - aber sie vermeiden sie, weil sie unrecht und darum verboten sind. Die Beispiele sind zahllos: Selbst der hinterhältigste Straftäter verdient ein faires Verfahren - auch wenn er es gefühlsmäßig nicht verdient zu haben scheint. Selbst terroristische Gewalttäter dürfen nur abgeschoben werden, wenn ihre Ausreisepflicht rechtskräftig ist: Selbst wenn man froh ist, daß so einer endgültig verschwunden ist - Gerichte dürfen niemals beschummelt werden.

"Lass Dich vom Bösen nicht überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem". Das ist manchmal eine echte Gratwanderung - und fast so schwer zu üben wie die Feindesliebe, die Jesus uns in Stammbuch geschrieben hat. Und doch ist sie das einzige Mittel, damit letztlich das Gute triumphiert: Das Böse kann schädigen, aber es darf niemals die Macht bekommen, das Gute zu korrumpieren. Das Böse mag bedrohlich sein Haupt erheben - aber es darf niemals dem Guten das Wasser abgraben. Das Böse mag noch so viele Vorteile verheißen - das Gute lässt sich nicht verführen, von seiner Wahrheit abzuweichen.

Und deshalb möchten wir als Polizeiseelsorge der hessischen Polizei Gottes Segen wünschen: Diesen Segen, den sie täglich braucht um die hohen Standards ihres Leitbildes pflichtgetreu zu erfüllen. Diesen Segen, der sie ermutigt und befähigt, kräftigt und stärkt in ihrem hehren Auftrag: "Lass Dich vom Bösen nicht überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem".

Dr. Martin Schulz-Rauch