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Archiv: Texte

Passionszeit mit Corona

Nach einem Jahr: noch immer Passionszeit mit Corona. Die Fastenzeit hat begonnen. Und doch ist kein Unterschied zu vorher zu merken, wo doch Karneval und Fasching ausfielen. Gefühlt leben wir seit einem Jahr in einer Passionszeit.

Der Lockdown nagt. Es hat sich zwar Vieles eingespielt, es gibt eine Art Gewöhnung. AHA-Regeln, digitales Kommunizieren, Kohortenbildung. Die Entwicklung von Impfstoffen und die Forschung zur Behandlung der Krankheit lassen hoffen. Meine kleine Nachbarin spielt schon "Impfen" ohne Anmeldung und Verzug.

Aber ich spüre auch Erschöpfung. Müde und genervt vom körperlichen Abstandhalten, skeptisch gegenüber den Mutanten und der Frage nach der Wirksamkeit von manchen Maßnahmen. Da nehmen einem die Erzählungen von Überlebenden mit, die wirtschaftliche Notlage des Freundes, die Trauer um die verstorbene Mutter.

Ich lese von einem kollektiven posttraumatischen Stresssyndrom, dessen Folgen noch nicht abzuschätzen sind. Der Mensch ist ein soziales Wesen, mit Martin Buber gesprochen wird der Mensch am Du zum Ich. Wenn aber die Beziehungsaufnahme und Kommunikation gehemmt sind, leiden die Beteiligten. Sie merken es vielleicht gar nicht gleich. Ich habe aus der Polizei gelernt, ohne Berührung und körperliche Nähe fehlt es an der Ausschüttung von Glückshormonen, der Stresspegel steigt. Wie lange kann das eine Gesellschaft aushalten?

Was ist der christliche Rat? "Wirklichkeitsgehorsam" übt eine Dominikanerin aus dem Kloster Arenberg bei Koblenz. Das akzeptieren, was ist - weder verleugnen noch schicksalsergeben zu sein, auch nicht das `Gute´ in der Krise sehen wollen. Die Herausforderung als Wachstumsaufgabe wahrnehmen. Das kenne ich aus der Polizei.

Wie diese Aufgabe bewältigen? Es kann helfen, die spirituelle Kraft zu nähren. Betend, klagend, bittend. Vielleicht auch schweigend und schreiend! Sich an Gott wenden, an den Allmächtigen im Verborgenen. Auf Wunder hoffen und Vernunft setzen. Und gleichzeitig mit dem mitleidenden Gott rechnen, im Mitmensch so nah, manchmal selbst ohnmächtig.

Diese Spannung, so widersprüchlich sie scheint, gibt Halt. Sie wirkt wie ein Haltegriff mit zwei Verankerungen. Es ist der Glaube an den Allmächtigen und den Leidenden. Anfassen ist hier erlaubt, erwünscht und nötig: zum Aufmachen, Hochziehen und Abstützen. Das Besondere an diesem Haltegriff ist, dass er beweglich ist und mitgeht: rein und raus, durch Höhen und Tiefen.

Gott mit Euch und Ihnen.

Ihre Barbara Görich-Reinel, Polizeipfarrerin