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Eine Katastrophe ...

seit dem zweiten Weltkrieges nie wieder erlebt! Einschnitte gab es immer wieder aufgrund von Dürre- oder Hochwasser-Katastrophen. Ängste vor erwartbaren Klimakatastrophen haben unser Land stark verändert. Doch jetzt: Ohnmächtig zuschauen zu müssen, wie das öffentliche Leben lahmgelegt, gesunde Betriebe ruiniert, eine Rezession ungekannten Ausmaßes losgetreten wird - ohnmächtig zuschauen zu müssen, wie Ärzte, Pfleger und Krankenhäuser den Mangel verwalten müssen - ohnmächtig zuschauen zu müssen, wie Menschen zu Tausenden in unserem Lieblingsland Italien, aber auch bei uns sterben, wie unsere alten und kranken Mitbürger in Angst leben, aber von ihren Liebsten nicht mehr besucht und getröstet werden können. Nichts ist mehr wie gewohnt einfach machbar.

Ganz zu schweigen davon, dass vieles, was unser Leben bunt und lebenswert macht, Fußball, Feste, Fitnesstudio, Konzerte hören, Essen gehen, Messen besuchen, systematisch lahmgelegt wurde. Kultur und Sport nur noch via Fernsehen und Livestream. Auch die Familien sind – je länger, je mehr – enormen Belastungen ausgesetzt: Wenn die Großeltern bei der Kinderbetreuung wegfallen, wenn Alleinerziehende ohne Kita noch stärker auf sich alleine gestellt sind, wenn wir uns auf engem Raum daheim allmählich auf die Nerven gehen. Und über allem die Sorge: Wie schlimm noch – wird es werden? Wie lange noch – soll das so weitergehen?

Dauern wird dieser irre Zustand - mehrere Monate bestimmt. Erst wenn wir Medikamente und Impfungen haben wird es sich langsam entspannen. Hoffen kann man nur, dass vieles Positive, das wir uns jetzt mühsam angewöhnen, auch von Dauer sein wird. Häufiges Händewaschen z.B. – weniger drängeln, mehr respektvoll Abstand halten, weniger Essen wegwerfen, mehr das Familienleben pflegen, mehr home-office, dafür weniger Bürotage! Unsere Kreativität, unsere Flexibilität ist jetzt mehr denn je gefragt.

Darum bietet jede Krise auch eine Chance – räumt Wege frei, die Phantasielosigkeit und Schlendrian verrammelt haben, eröffnet neue Horizonte, an die keiner je gedacht. Um es mit einem der Worte der Bundeskanzlerin zu sagen, die, einmal gehört, niemals mehr aus dem Gedächtnis fallen: „Wir werden gestärkt aus dieser Krise hervorgehen“. Sie hatte recht – jedenfalls damals vor 13 Jahren, als wir (heute fast vergessen) in der Finanzkrise am Abgrund standen. Beispiellose Maßnahmen wurden beherzt ergriffen– wie schnell haben wir seither uns erholt!

Wie lange wird jetzt der ganze Spuk noch dauern? Wie lange müssen wir uns noch gedulden? Werden wir jemals wieder heil herausfinden?

Vielleicht trifft der Psalm 13 genau unser Gefühl– und kann uns im Gebet leiten:

Herr, wie lange willst Du mich so ganz vergessen?

Wie lange verbirgst Du Dein Antlitz vor mir?

Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele

Und mich ängstigen in meinem Herzen täglich?

Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?

Schaue doch und erhöre mich, Herr, mein Gott!

Erleuchte meine Augen, daß ich nicht im Tode entschlafe,

daß nicht mein Feind sich rühme, er sei meiner mächtig geworden,

und meine Widersacher sich freuen, daß ich wanke.

Doch auch dieses Gebet verharrt - wie alle Gebete der Bibel - nicht in der verzweifelten Klage. Denn im Elend richtet sich der Blick nach oben – und die Dinge werden in ein völlig neues Licht gerückt

Ich aber traue darauf, daß Du so gnädig bist;

Mein Herz freut sich, daß Du so gerne hilfst.

Ich will dem Herrn singen, daß er so wohl an mir tut.

Denn seit der Überwindung der Sintflut und Gottes Schwur, niemals mehr die Welt zugrunde gehen zu lassen, gilt die Gewißheit aus Psalm 91:

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt

und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,

der spricht zu dem Herrn:

Meine Zuversicht und meine Burg,

mein Gott, auf den ich hoffe.

Denn er errettet dich vom Strick des Jägers

und von der verderblichen Pest.

Er wird dich mit seinen Fittichen decken,

und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.

daß du nicht erschrecken mußt vor dem Grauen der Nacht,

vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,

vor der Pest, die im Finstern schleicht,

vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.

Dr. Martin Schulz-Rauch