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Archiv: Meditationen

Von der Verhüllung zur Erscheinung

Osterbetrachtung

Marien II

Kargheit und Konzentration, Klarheit und Reduktion auf dem einen Bild - Bunte Farben, Goldene Pracht und Fülle auf dem anderen.

Im März 2017 fotografierte ich während der Konferenz der Evangelischen Polizeipfarrer und Polizeipfarrerinnen den verborgenen Altar in der Evangelischen St. Marienkirche von Stralsund. Warum sprach mich dieser Schmutzschutz auf einer sakralen Baustelle an?

Für mich sieht der verdeckte Altar wie ein Schiff aus - passend zur Nähe zum Meer. Ein Schiff in einem Kirchenschiff! Die Form eines Transportmittels zum Überqueren von Tiefen und Verbinden von Menschen. Ob und wie letzteres gelingt bleibt geheimnisvoll.

Die Verhüllung unterstreicht den Eindruck von Übergang. Der Künstler Christo verhüllt oder verpackt Objekte, um die Endlichkeit ins Bewusstsein zu rücken. Während der Zeit der Verhüllung fehlt etwas Wichtiges, dessen Bedeutung man sich neu aneignen kann.

So könnte man fragen: Ist Gott fern, wenn der Altar nicht zugänglich oder benutzbar ist? Eine Antwort darauf entnehme ich dem Osterevangelium: "Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. ... Geht...!" Und er erschien ihnen in ihrer gewohnten Umgebung.

Marien I
Stralsund St. Marienkirche Spätgotischer Marienkrönungsaltar, vor 1500

An Ostern feiern wir "Enthüllung". Das Leben erscheint wieder in all seiner Buntheit und Fülle. Lebensfreude und Genuss kehren zurück. Bis der Altar in St. Marien wieder sichtbar wird, dauert es noch. Aber so ist das eben im echten Leben: manchmal fällt Ostern nicht auf das gesetzte Datum, sondern es braucht länger bis man Auferstehung feiern kann. Doch ich bin überzeugt: das Leben bricht irgendwann durch, Trauergeister und Grauschleier weichen.

Ihnen Gesegnete Ostertage

Polizeipfarrerin Barbara Görich-Reinel