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Archiv: Meditationen

Ob der Islam zu Deutschland gehört ...

... darüber kann man trefflich streiten. Wundern muss man sich allerdings, wenn eine Pressemitteilung vermerkt, der Stuttgarter Landtag werde künftig von einer muslimischen Frau als Präsidentin geleitet. Erstaunlich auch der seit Köln allseits unhinterfragte Konsens, speziell von muslimischen Männern ginge Gewalt gegen Frauen aus.

Vor einigen Monaten erzählte mir in Indien ein hochrangiger Polizeibeamter, ihm als katholischen Christ übertrüge man gerne politisch sensible Einsätze, wenn zwischen der muslimischen Minderheit und der hinduistischen Mehrheit sich Gewaltexzesse entlüden. Neben fachlicher Kompetenz empfiehlt also insbesondere seine religiöse Zugehörigkeit ihn für Führungsaufgaben.

Mag dies in bestimmten Regionen Indiens eine pragmatische Herangehensweise sein, bleibt in unserem Kontext die zentrale Einsicht der Aufklärung zu verteidigen, die nach jahrhundertelangem Leiden unter verheerenden konfessionellen Kriegen schließlich die Religion zur Privatsache erklärt hat, die im öffentlichen Diskurs und in amtlichen Verlautbarungen keine Rolle spielen darf. Weder qualifiziert die religiöse Orientierung eine Person für bestimmte Aufgaben noch disqualifiziert dieselbe Religion Menschen zu potenziellen Straftätern. Religion kann in einem säkularen Staat kein Bestimmungsmerkmal eines Menschen sein.

Wer behauptet, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, muß sich die Frage stellen, welche Religion denn dann zu Deutschland gehören könnte. Die denkbare Antwort freilich, dies sei als vermeintlicher Urgrund unserer abendländischen Werteordnung möglicherweise die christliche Kirche, muss im Namen der Säkularität klar zurückgewiesen werden. Statt darüber zu streiten, welche Religion denn nun mit unserer deutschen Werteordnung kompatibel ist, sollten wir lieber mit dieser Werteordnung radikal ernst machen und jedem Gläubigen die Entscheidung individuell überlassen, in welcher Facon er selig werden und den Allmächtigen verehren möchte.

Dies sollte auch für die Bewertung von Straftaten Konsequenzen haben. Asoziales oder gar gesetzwidriges Verhalten resultiert aus einer persönlichen Entscheidung, die durch subkulturelle Vorprägungen bestärkt und unter missbräuchlichen Verweis auf den vermeintlichen Gotteswillen von Tätern gerne auch mal als von "ganz oben" kommend legitimiert und als "frommes Werk" überhöht werden mag. Die häufig reflexhaft vorgebrachte Unterstellung hingegen, religiöse Orientierung prädisponiere quasi genetisch verankert zu einer erhöhten Gewaltaffinität oder sexualisierter Übergriffigkeit, hat in einem säkularen Gemeinwesen keinen Platz. Religion ist Privatsache - das gilt auch für den potenziellen Straftäter.

Dr. Martin Schulz-Rauch