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Archiv: Meditationen

"Habt acht und schaut..."

Trauer und Trost

"Habt acht und schaut..."

Eine Mutter beweint ihr Kind! Gibt es Schlimmeres? Wenn Eltern ihren Sohn, ihre Tochter verlieren - wenn sie alleine zurückbleiben, die tröstliche Reihenfolge der Generationen zerstört ist? Wer ein Wort für Eltern in dieser Not finden will, wird verstummen.

Auf dem Mainzer Hauptfriedhof erinnert eine Skulptur an Maria, die ihren Sohn Jesus beklagt - gekreuzigt einst von fanatischen "Gläubigen". Die trauernde Gottesmutter reiht sich ein in die Schar fassungsloser Eltern, deren Söhne und Töchter heute noch auf dem Altar "frommen" Eifers geopfert werden.

Das Denkmal ist unterschrieben mit einem Wort aus den Klageliedern des Propheten Jeremia: "Oh ihr alle, die ihr vorübergeht am Weg. Habt acht und schaut, ob ein Schmerz gleich ist meinem Schmerz." (Klagelieder Jeremias 1,12)

Soll man es zynisch nennen, dass hier fremdes Leid dem eigenen untergeordnet wird? Als sei es weniger wert? Doch nicht abwerten, sondern trösten will das Wort: Seht her, mahnt das Standbild, beweint mit der Gottesmutter ihren unschuldig getöteten Sohn, beklagt den lebendigen Gott, der wie ein Mensch den Tod erlitten hat. Und erkennt dabei: Schlimmer geht's nicht mehr. Kein Schmerz gleicht diesem! Hier ist die Grenze allen Leidens, das ist das Äußerste.

Trösten hat es mit einrahmen zu tun, mit abgrenzen, mit einhegen. Warum sonst umarmen wir die Weinenden, schützen, halten sie? Wer tröstet, zieht einen Zaun um das Leid, damit der Schmerz nicht uferlos wird. Wer tröstet, birgt in Gott. Denn Gott lebt - jenseits allen Leides. Er ist die Grenze jeder Not. Tiefer kann keiner stürzen - als in Gottes Hand hinein. Von allen Seiten umgibt er uns: Unter abgrundtiefem Schmerz, über himmelschreiendem Elend, jenseits des Todes gar - erwartet uns der von Maria beweinte und doch lebendige Gott. Er ist immer schon da, wo äußerste Not uns hinzwingt - und umfängt uns mit seinem Trost.

Polizeipfarrer Dr. Martin Schulz-Rauch