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Archiv: Meditationen

Entmummung

Bußgedanken zum 31.10.

Entmummung

"Unser Herr und Meister Jesus Christus wollte mit seinem Wort: "Tut Buße" usw. (Matthäus 4,17), dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei."

So lautet die erste von 95 Thesen, die Martin Luther vor 499 Jahren an das Portal der Wittenberger Schlosskirche geschlagen hat - oder haben soll. Mit oder ohne Anschlag, die Thesen schlugen ein, die Reformation kam in Fahrt und veränderte das Leben vieler nachhaltig.

Im Innern der Kirche illustriert ein Standbild Friedrich des Weisen, Luthers Landesherr, was es mit der geforderten Buße auf sich hat. Genau genommen ist es kein Stand- sondern ein Kniebild. In voller Rüstung, Ausdruck seiner politischen Verantwortung und Wehrhaftigkeit, kniet der Fürst zu Seiten des Altars. Den Helm hat er abgenommen, der Kopf ist frei und ungeschützt. Man meint, er wende sich an Gott inmitten seiner Staats- und Kriegsgeschäfte. Gesicht und Ohren offen, ggf. auch für Kritik, bereit zu Korrekturen seines Denkens und Tuns.

Ein "bußfertiges" Leben zielt nicht zwangsläufig auf "Sack und Asche". Es vollzieht sich im Alltag des Berufs, im Zusammenleben, in der Bereitschaft zu neue Einsichten, auch in die eigener Fehlbarkeit und Schuld, im Verzicht auf Verstellung und Maske.

Mittlerweile konkurrieren am 31. Oktober Reformation und Halloween, Mummenschanz und Selbsterkenntnis, Gruselclowns und Sicherheitskräfte - "Entmummung" wäre ethisch darum nicht die schlechteste Devise für diesen Jahrhunderttag.

Foto u. Text: Ltd. Polizeipfarrer Wolfgang Hinz