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Archiv: Meditationen

"Mir erläwe´s vielleicht net,...

Gemeinsam zu Tisch
Gemeinsam zu Tisch

...awwer sie wern sähe, dass ich recht hob: in fufzig Johr sinn mer all Derke !"

Mit dieser erheiternd widersprüchlichen Einschätzung bringt der Darmstädter Drehermeister Dummbach im "Datterich" 1841 ein europäisches Trauma zur Sprache: die "Türkenangst" ! Ernst Elias Niebergall, der Autor dieser "Localposse" , ruft ein Szenarium auf, das das christliche Abendland seit dem Fall von Konstantinopel 1453 begleitet - die Furcht vor den Muslimen. Und auch heute steigt die Angst vor Kultur - und Religionskriegen wieder merklich an.

Wie ernst es um die so beschworenen Gegensätze auch immer stehen mag, die Erwartung des Evangelisten Lukas ist da überraschend entspannt: "Es werden kommen von Osten und Westen, von Norden und Süden, die zu Tische sitzen werden im Reich Gottes" (Lukas 13,29) Er rechnet am Ende mit keinem "Clash der Kulturen" sondern einer riesigen friedlichen Tischgemeinschaft in Gottes Reich. Vertreter aller (Himmels-) Richtungen werden bei Gott zu Tische sitzen, genauer liegen, wie es im Urtext orientalischer Sitte gemäß heißt. Was für ein gewaltiges, einladendes Schlussbild! Einst gemalt für eine junge verfolgte Gemeinde, die nur kraft ihres Glaubens die ersten Jahrhunderte überstand. Ausgerechnet sie ist sich dieses friedlichen Ausgangs der Geschichte gewiss. François Bovon schreibt zu diesem Bibelvers: "Hier ist der Kern der evangelischen Hoffnung und des christlichen Universalismus ausgedrückt. Wunderbare Botschaft, die die Schranken durchbricht und die antike Welt erobern wird!" Es ist das Evangelium von der Menschenfreundlichkeit Gottes, das Christen einst interessant gemacht und ihren Glauben weit getragen hat.

Und heute ? In Köln wurden Erzieherinnen ermahnt, ja nicht zu viel Gemeinschaft zuzulassen. Im gemeinsamen Beten mit Andersgläubigen witterte der kirchliche Träger Gefahren für die jeweilige Glaubensidentität. Das Bild von der himmlischen Tischgemeinschaft scheint an Strahlkraft eingebüßt zu haben. Dabei lassen gerade morgendliche Frühstücksrunden in deutschen Kindertagestätten hoffen und erahnen, wovon Lukas spricht. Die multikulturelle Vielfalt der heimischen Vesper belebt das wechselseitige Interesse und lehrt zugleich das Eigene schätzen.

Ist die finale Tischgemeinschaft noch das Bild, von dem wir Christen uns leiten lassen? Glücklich, wer in dieser Positiverwartung konstruktiv gegenwärtige Herausforderungen der Flüchtlingsnot angehen kann - und sei es auch in der Dummbach´schen Gewissheit: "Mir erläwe´s vielleicht net, awwer sie wern sähe, dass ich recht hob."

Wolfgang Hinz