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Archiv: Meditationen

Zeige deine Wunden...

Christus als Schmerzensmann
Christus als Schmerzensmann

Zeige Deine Wunden!? Eine so betitelte Installation des vor 25 Jahren verstorbenen Aktionskünstlers Josef Beuys steht im Münchener Stadtmuseum. Nur wer seine Wunden zeigt, kann auf Hilfe hoffen! Ein Arzt muß eben genau hinschauen können.

Nicht wenige Menschen zeigen darum bereitwillig - und oft unaufgefordert - ihre Verletzungen und beschreiben ausführlich ihre Schmerzen. Es hilft ihnen, ihren Schaden zu ertragen und zu akzeptieren, wenn sie ihr Leid mit mitleidigen Augen teilen können. Nicht jeder freilich will das sehen - nicht jeder kann ertragen, was er da manchmal gezeigt und zu hören bekommt. Nicht wenige weichen schnell auf unverfängliche Themen aus, wenn einer anfängt, über sein Elend zu beklagen.

Kein Wunder darum, dass viele erst gar nicht wagen, ihre Not vor anderen auszubreiten. So erspart man sich wenigstens abweisende Bemerkungen wie "Kopf hoch, wird schon wieder" oder "Unkraut vergeht nicht". Klingt aufmunternd, ist aber doch nur Schutz vor Ratlosigkeit und der Angst, vielleicht nicht die richtigen Worte zu finden.

Seine Wunden zu zeigen, kostet Mut. Mut auch deshalb, weil man seine Schwäche eingestehen, seine Hinfälligkeit bekennen muß. Auch wen so schnell nichts umhaut, wer schon manches Leid gesehen und tragen geholfen hat, wer schon Leben gerettet hat und mit scheußlichen Anblicken vertraut ist: Wer plötzlich selbst betroffen ist, wiegelt gerne ab. "Was von selbst gekommen ist, geht auch von selbst wieder weg!" Wozu einen Arzt aufsuchen - Hilfe brauchen nur die Anderen, die, denen es wirklich dreckig geht: "Wegen so einer Lappalie! Da habe ich schon ganz anderes überstanden!" Jede Ausrede ist recht - solange man nur nicht genauer hinschauen muß, solange man seine Wunden verbergen kann, seine Angst, es könnte wirklich was Schlimmes sein.

Zeige Deine Wunden! Wunden zeigen - kann Leben retten! Nur wer seine Wunden zeigt, kann auf Heilung, auf Linderung hoffen. Nur wer seine Schwäche eingesteht, hat Chancen, zu neuer Kraft zu erwachen.

Zeige Deine Wunden! Alte Andachtsbilder malen den gekreuzigten Jesus, der dem Betrachter deutlich sichtbar seine fünf Wundmale zeigt, die ihm den Tod gebracht haben. Christen aller Zeiten haben die Wunden Christi, sein Leiden und Sterben, andächtig betrachtet. Erkennen sie doch an ihnen, dass gerade dem Schwachen, dem Verlorenen, dem Toten Gott besteht. Christi Wunden sind uns Trost - verkünden sie doch den Gott, der aus Todesnot errettet und zu neuem Leben erweckt.

Zeige Deine Wunden! Zeige sie Gott, dem Herrn. Er wird auf Heilung sinnen.

Pfarrer Dr. Martin Schulz-Rauch