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Archiv: Meditationen

So ist Sonntag!

So ist Sonntag!

Der Sonntag ist ins Gerede gekommen. Seit Jahren versuchen große Handelshäuser, die Sonntagsruhe aufzuweichen. Kein Wunder - das Internet schläft nie. Rund-um-die-Uhr geöffnet! Eine schwere Konkurrenz also für jeden Händler, der nachts schließen muß und am Sonntag nichts verkaufen darf. Zwar sind die Gewerkschaften nicht begeistert von der Idee - und auch die Einzelhändler können dem wenig abgewinnen. Mit ihrem übersichtlichen Personalbestand bringt jede Aufweichung der Sonntagsschließung sie noch mehr ins Hintertreffen. Aber ist der Sonntag noch zu retten? Verkümmert er in einer globalisierten Welt nicht zum Auslaufmodell?

Selbstverständlich kann die Sonntagsruhe niemals für Einsatzkräfte gelten. Die Gewährleistung von Sicherheit und Ordnung, von der Krankenfürsorge über die Sicherung des Verkehrs bis zur Versorgung mit allem Lebensnotwendigen macht niemals Pause. Doch alle, die hier ihren 24/7-Dienst leisten, kennen auch die Probleme eines Schichtsystems, speziell der Arbeitszeiten an Wochenenden und Feiertagen. Es reicht nicht aus, regelmäßig zu ruhen. Irgendwann in der Woche. Nein, wir müssen regelmäßig gemeinsam ruhen. Gleichzeitig - alle zusammen - gemeinsam mit denen, die uns lieb sind: Um mit unseren Familien freie Zeit zu genießen, mit unseren Freunden spielen, grillen, wandern oder einfach nur chillen und abhängen zu können. Wenn man montags frei hat, der Partner am Dienstag und die Kinder am Wochenende - und wir nicht mehr gemeinsam frühstücken können: Dann bröckelt etwas auseinander. Sicher geht das eine Weile gut - Polizeibeamte sind oft Meister darin, sich ein gutes Leben unter erschwerten Bedingungen zu schaffen. Aber alle wissen: Ein gemeinsamer freier Tag ist ein Muß. Am besten gleich ein Tag, an dem es insgesamt ruhiger wird, der Baulärm schweigt, die Straßen leerer werden, das Portemonnaie in der Tasche stecken bleibt und keine Hetze angesagt ist - ein solcher Tag ist unentbehrlich.

Die Autoren des Grundgesetztes (Art 140) wußten, warum sie den Sonntagsschutz nach dem Vorbild der Weimarer Verfassung (Art. 139) hochhalten: "Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt". Die Seele muß zur Ruhe kommen - und gerade darin sich erholen und erneuern. Wohlgemerkt: Wie diese "Erhebung" bewerkstelligt wird, ist dem Gesetzgeber egal. Nur dass sie stattfinden kann - muß unstreitig sein. Denn nichts weniger als die Menschenwürde steht auf dem Spiel, wie das Bundesverfassungsgericht 2009 urteilte: Dem Sonntagsschutz muss "ein besonderer Bezug zur Menschenwürde beigemessen werden, weil sie dem ökonomischen Nutzendenken eine Grenze zieht und dem Menschen um seiner selbst willen dient" (BVerfG JZ2010, 137 (139)).

Es ist eine der großen Errungenschaften der jüdisch-christlichen Kultur, den Menschen regelmäßig aus seiner Geschäftigkeit herauszunehmen und ihm Zeit zur Besinnung zu geben. Gottes Ruhen am siebten Tag nach all seinem Mühen ist tief in die Schöpfung und damit in die Seele des Menschen eingegraben. Der Mensch lebt nur dann im Einklang mit sich selbst, wenn das Pendeln zwischen Arbeiten und Ruhen, zwischen Wirtschaften und Genießen, zwischen Mühen und Entspannen nicht dauerhaft ins Stottern kommt. Gut, wer diesen Tag nutzt, im Gottesdienst seinem Schöpfer zu begegnen und sich stärker zu lassen. Gut aber auch, wer diesen Tag nutzt, um einfach mal Abstand zum Alltag zu gewinnen und mit Familie und Freuden das Leben als lebenswert zu genießen.

Dr. Martin Schulz-Rauch