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Archiv: Meditationen

Weihnachtsgruß der Polizeiseelsorge 2010

Bodenmosaik aus dem 5. Jh. in der Geburtskirche zu Bethlehem.  Foto: W. Hinz 2009
Bodenmosaik aus dem 5. Jh. in der Geburtskirche zu Bethlehem.
Foto: W. Hinz 2009

Geburtshilfe-Station in einer Universitätsklinik. Das Schwesternzimmer ist von oben bis unten mit Fotografien gepflastert: Man sieht zahllose junge Mütter, manche erschöpft, andere glücklich und erleichtert, mit einem neugeborenen Baby auf dem Schoß. Schlafend, strahlend oder ungeduldig schreiend. Die stolze Erfolgsgeschichte dieser Station! Und mitten drin? Es ist ein katholisches Haus, in barocker Geste die Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Frappant die Ähnlichkeit beider Bildmotive!

Wohl kaum einer dürfte noch bewußt erinnern, wie einst er seiner Mutter auf dem Schoß saß. Und doch ist das Wissen um diesen paradiesischen Zustand tief in unserer Seele verankert. Gerührt sehen wir solche Szenen - Unser Herz geht auf und verströmt die Wärme dieser zwar fast vergessenen, doch immer wieder erhebenden Glückserfahrung. Die emotionale Kraft von Weihnachten - ungebrochen durch religiöse Skepsis, beißende Kirchenschelte und vielfach beklagte Feiertagshektik: Die Wirkkraft der uralten Geschichte von der Geburt in Bethlehem und des zärtlichen Miteinanders von Mutter und Neugeborenen wurzelt in unserem Innersten - der weitgehend abgedrängten und doch präsenten Erinnerung an eigenes Thronen auf unser Mutter.

So rundum versorgt, behütet und verwöhnt haben nie wieder wir uns erlebt. Ohne jeden eigenen Beitrag, ohne je Verantwortung tragen oder für Folgen geradestehen zu müssen, einfach nur glücklich und geborgen sein zu dürfen - niemals mehr kehrt dieser paradiesische Zustand zurück. Es ist das Vorrecht der ganz Kleinen, bei Hunger und jeglichem Unwohlsein bedenkenlos schreien zu dürfen und umstandslos befriedigt zu werden. Und dabei der Augenstern der ganzen Familie zu sein, der vergötterte Wonneproppen, das angehimmelte Prinzesschen, um das sich alles dreht! Solche zarten Erinnerungen haben im harten Berufsalltag mit seinen Anforderungen keinen Platz - brechen freilich mit unvermittelter Wucht sich Bahn, wenn Kinder Opfer von Unfällen oder Verbrechen geworden sind!

Es sind diese Gefühle, die elementarste Ausdrucksformen des Glaubens darstellen. Auch wenn wir der Tradition folgend Gott gewöhnlich als Vater ansprechen, so wird sein Wirken in der Bibel doch auch häufig mit denen einer Mutter verglichen. Wobei wir natürlich nicht vergessen, dass wir zärtliches Umsorgen, bedingungsloses Annehmen, grenzenloses Lieben, behutsames Nähren, geduldiges Verzeihen und unerschütterlichen Schutz gleichermaßen bei Vätern wie Müttern finden. An Weihnachten gedenken wir solcher Urerfahrungen - selbst wenn uns unsere Eltern mitunter weniger bedeutsam, vielleicht verstorben, vielleicht uns auch fremd geworden sind - lassen in weichen Momenten uns anrühren vom Glück der ersten Monate unseres Lebens. Und spüren vielleicht vor den Bildern des Jesuskindes auf dem Schoß seiner Mutter, dass Gott in derselben Weise bis heute sich uns zuwendet, wenn er uns vor Gefahren schützt und in Ängsten tröstet, unsere Bedürfnisse nährt und uns wachsen läßt, uns achtet, würdigt und schätzt, und dessen Liebe kein Ende hat.

Freilich verlaufen nicht alle Kindheiten glücklich. Man muß Kinder nicht hungern lassen, um sie doch zu vernachlässigen, man muß ihnen nicht Gewalt antun, um sie zu mißbrauchen, man muß sie nicht Gefahren aussetzen, um sie in ständiger Furcht zu halten. Nicht wenige sind wohlgenährt und entbehren in vollgestopften Spielzimmern nichts - und sehnen doch verzweifelt sich nach Kuscheln mit ihren gefühlsarmen Eltern. Nicht wenige haben je einen Schlag gespürt und fühlen doch sich vergewaltigt und mißbraucht, um ehrgeizige, hochfliegende Pläne ihrer Erzeuger zu erfüllen. Nicht wenige werden fürsorglich in ihren Wünschen ignoriert und in ihren Bedürfnissen überrumpelt, wenn sie zu Klaviervirtuosen oder ehrgeizigen Musterschülern getrimmt werden, statt unbeschwert Kind sein zu dürfen. Nicht wenige werden polizeilich sorgfältig mit Kindersitzen und Fahrradhelmen vor allen denkbaren Unfällen geschützt, und leben doch in steter Todesangst, zu versagen, nicht zu genügen oder wertlos zu sein.

Kinder leiden sehr oft bittere Schmerzen - selbst in besten Elternhäusern. Sie sind von abgrundtiefer Sehnsucht nach bedingungsloser Zuwendung ohne Ausbeutung, Mißbrauch und Angst erfüllt. Auch diese Sehnsucht lebt in uns fort. Sie ist vielleicht noch verborgener, stiller und geheimer als die warme Erinnerung an die Güte und Liebe unserer Mütter und Väter. Und auch sie steigt in uns hoch, wenn wir an Weihnachten die bedingungslos liebende Gottesmutter sehen - und in ihr den Gott, der uns nicht zu einem Idealbild zurechtbiegt, der uns gewogen bleibt, wo wir ihn enttäuschen, der uns niemals mißbraucht, um seinen Ruhm zu erhöhen oder seine Bedürftigkeit zu flicken.

In der Liebe dieses Gottes von Weihnachten erleben wir die paradiesische Zuwendung längst vergangener Kindheitstage stets aufs Neue. Zugleich stillt er unsere oft enttäuschte Sehnsucht nach bedingungsloser Annahme um unserer selbst willen, so krumm und eckig, wie wir nun einmal sind.

Die Polizeiseelsorge wünscht Ihnen gesegnete Weihnachtstage, in denen Sie diesem Gott begegnen können.

Pfr. Dr. Martin Schulz-Rauch