Home Polizeipfarramt der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau Evangelische Kirche in Hessen und Nassau

Archiv: Meditationen

Märchenhafte Perspektiven!

Zum Monatsspruch Mai

Inschrift am Palast in Granada
Inschrift am Palast in Granada

Fast sechshundert Jahre lang standen im Mittelalter weite Teile Spaniens unter muslimischer Herrschaft. Auch wenn es immer wieder zu religiösen Spannungen kam, lebten Muslime, Juden und Christen Seite an Seite friedlich und tolerant zusammen. Ein reger geistiger Austausch befruchtete ungeahnte wissenschaftliche Fortschritte in der Medizin, Astronomie, Chemie und Biologie und natürlich auch in der Philosophie - unentbehrliche Voraussetzungen für den späteren Aufschwung der modernen Naturwissenschaft im christlichen Abendland.

Tragisch, dass diese Blütezeit mit der Eroberung Granadas 1492 und der Exekution der muslimischen Dynastie der Nasriden durch die "allerkatholischsten Majestäten" von Aragon und Kastilien ein blutiges Ende fand. Mit rassistischem Furor wurden mit Pogromen, Vertreibungen und gezielten Mordaktionen die jüdische Welt Spaniens vernichtet, die Muslime in die Zwangsbekehrung getrieben und durch die Religionspolizei der Inquisition eine Schreckensherrschaft errichtet.

Welch ein brutaler Gegensatz zu der weitherzigen Toleranz der muslimischen Kalifen und Emire! Zeugnisse dieses friedlichen Miteinanders der Religionen mitten in Europa haben bis heute überlebt. So findet man unübersehbar in den erhaltenen Teile des Nasridenpalastes in Granada, im Weltkulturerbe der Alhambra, die Wappeninschrift dieser muslimischen Dynastie: "Es gibt keinen Sieger außer Allah!" Wie frappant die Ähnlichkeit zum Bekenntnis des jüdischen Königs Davids und Stammvaters Jesu in seinem Gebet: "Du bist groß, Herr HERR. Denn es ist keiner wie Du und ist kein Gott außer dir" (2 Samuel 7,22 - Monatsspruch für Mai). Halleluja - "Hochgepriesen sei der große Gott"! Oder um es auf Arabisch zu sagen: Allah-hu akbar - "Gott ist unvergleichlich groß"!

Hier passt kein Blatt zwischen christlich-jüdische und muslimische Frömmigkeit. Bei aller Unterschiedlichkeit sind wir uns einig im Lobpreis des einzigen Gottes- und damit im Suchen nach einem Lebensstil, der ernst macht mit der Gewissheit: Es gibt keinen anderen Trost im Leben und Sterben als Gott allein.

Pervers, wenn jihadistische Mörderbanden ihre menschenverachtenden Untaten mit dem Namen des allein siegreichen und heilbringenden Gottes rechtfertigen wollen. Lassen wir uns von ihnen nicht die Augen verblenden. Lassen wir uns nicht auseinander dividieren und uns von unserem gemeinsamen Bekenntnis abbringen: Allah-hu akbar - Halleluja. "Denn Du bist groß, Herr HERR". Streben wir Christen gemeinsam mit Juden und Muslimen - in versöhnter Verschiedenheit - nach einem Leben in der Gewissheit: "Es ist kein Gott außer Dir, Herr HERR".

Foto&Text: Dr. Martin Schulz-Rauch