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Archiv: Meditationen

"Ich glaube - hilf meinem Unglauben!"

Jahreslosung 2020

Mit Zuversicht ins neue Jahr?!?  Silvester 2019  auf dem Römerberg in Frankfurt - Foto:W.Hinz
Mit Zuversicht ins neue Jahr?!? Silvester 2019
auf dem Römerberg in Frankfurt - Foto:W.Hinz

Gutgläubigkeit - ist keine Tugend. Einfältig, wer sich ein X für ein U vormachen lässt. Weltfremd, wer die Werbesprüche lauter Marktschreier für bare Münze hält. Gefährlich, wenn man falschen "Polizisten" die Türe öffnet oder Enkel-Trick-Betrügern das Ersparte aushändigt.

Ist es auch einfältig, weltfremd und gefährlich, wenn man an das Gute im Menschen glaubt? Doch wie sollte man mit Menschen zusammenleben, an die man nicht glauben kann, denen man nicht vertrauen will. "Ich glaube Dir!" Ohne diesen Satz funktioniert keine Partnerschaft, kein Streifenteam, kein politisches Gemeinwesen. Wir müssen einander ein Grundvertrauen entgegenbringen, um leben zu können. Ein Urvertrauen gegenüber sorgenden und liebenden Eltern steht am Anfang eines jeden Menschenlebens - kaltherzige Erzieher lassen Persönlichkeiten heranreifen, die um ihr Lebensglück unablässig bangen und mühsam kämpfen müssen.

Glauben brauchen wir zum Leben. "Glauben" kann also mit "Nichtwissen" nicht identisch sein. Umgangssprachlich sagen wir zwar: "Ich glaube, die Unterlagen müssten in diesem Ordner liegen". Ich weiß es zwar nicht - vermute es aber stark: "Guck doch einfach mal nach!" Dann wird aus unsicherem Glauben festes Wissen - und der Glaube hat ausgedient. Hätte aber der Glaube an das Gute im Menschen jemals ausgedient - na, dann gute Nacht! Nur wer an eine lebenswerte Zukunft glaubt, müht sich um Frieden in unseren Familien, kämpft für Sicherheit und Ordnung in unserem Gemeinwesen, engagiert sich für Hilfsbedürftige und Schwache in unserem Wohlfahrtsstaat.

"Ich glaube - hilf meinem Unglauben" - stöhnt ein verzweifelter Vater, der sich hilfesuchend an Jesus wendet, weil sein kleiner Junge lebensbedrohlich an Epilepsie erkrankt ist (Markus 9,24). Jeder Glaube ist mit Unglauben gepaart, jeder Glaube von Zweifeln durchsetzt: Und wenn ich mich doch geirrt hätte? Dieser Mensch ein Betrüger, jener Kollege ein Faulenzer, unsere gewählten Politiker bloße Scharlatane, unsere "besten" Freunde nur um "unser Bestes" - also unser Geld - bemüht? Jeder hat schon mal auf das falsche Pferd gesetzt und ging gutgläubig-blind in die Irre.

Wir leben unablässig im Glauben und zweifeln zugleich an seiner Tragkraft. Das Stoßgebet des Vaters aus dem Markusevangelium, das für 2020 als Jahreslosung ausgewählt wurde, weist einen Ausweg aus diesem Zwiespalt. Wie viele Menschen würden gerne an Gott glauben, aber misstrauen (manchmal sogar zu Recht!) seiner Kirche, würden gerne bei ihm Heil und Hilfe suchen, verdächtigen aber ihre Gebete als reines Gebabbel, würden gerne religiöser leben, fürchten aber, der Himmel sei in Wahrheit leer und Gott eine Schimäre.

Zweifel gehören unauslöschlich zum Glauben. Unauflöslich aber auch das Paradox, dass erst der Glaube an Gott allen Unglauben zur Ruhe bringt. Den Zweifel an seiner Verheißung ebenso wie die nagende Ungewissheit, auf den falschen Mensch gesetzt zu haben. "Ich glaube - hilf meinem Unglauben" - wer diesen kurzen Satz im neuen Jahr zu seinem täglichen Herzensgebet macht, wird wahrhaftig Wunder erleben.

Dr. Martin Schulz-Rauch