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Archiv: Meditationen

Führungs- und Einsatzmittel Sprache

Ohne Handschellen, Funkgerät und Kugelschreiber ist Polizeiarbeit undenkbar. Vor allem ein Führungs- und Einsatzmittel muss ständig einsatzbereit sein - unsere Sprache. Denn Worte haben eine durchschlagende Wirkung - scheinbar unwiderstehlichen "Argumenten" von Schusswaffe oder Schlagstock meistens klar überlegen. Wie sehr Worte aufbauen oder zerstören, beruhigen oder aufwühlen, weiß jeder, der schon durch treffendes Wort wunderbar getröstet, durch gedankenloses Daherreden im Mark erschüttert worden ist.

Es sind Worte, die ein Leben verändern: Der Schuldspruch des Richters oder das Ja-Wort am Altar, die Diagnose des Arztes oder das Lob des Lehrers. Brenzlige Lagen werden durch geschickte Einwürfe entschärft, aufgeheizte Stimmungen durch mäßigendes Reden beruhigt - wie harmlose Einsätze dem aus dem Ruder laufen, der seine Zunge nicht im Zaum hält.

"Sprache" ist unser alltäglichstes Einsatzmittel und zugleich eine Kunst, die wie ein Garten gepflegt werden muss. Freilich reicht bloßes Verfügen über Worte nicht aus. Denn wer redet, muss zuhören können, Stimmungen wahrnehmen, Empfindlichkeiten erahnen und Schweigen zum Klingen bringen. Wer redet, muss außerdem schauen können - Gestik und Mimik ebenso erspüren wie Erröten, Erzittern oder Erbleichen einordnen können. Wer redet, muss schließlich schweigen können - Provokationen ignorieren, Unterstellungen übergehen, Torheiten erdulden - muss "seinen Senf" für sich behalten können und seine Meinung nicht jedem auf die Nase binden wollen.

Es ist ein komplexes Geschäft - der Umgang mit dem "Einsatzmittel Sprache", der wie der Gebrauch von Einsatzfahrzeugen erlernt und in regelmäßigen "Fahr- und Sicherheitstrainings für den Wortgebrauch" geübt werden muss.

Die Bilder der Psalmen, die Gleichnisse Jesu und die Verheißungen der Propheten leiten uns zum rechten Wort wie zum angemessenen Schweigen. Sie verfeinern unser Zuhören, schulen unser Auge, bestärken unser Handeln. Das Wort Gottes, das "unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege" ist, hilft uns, beherzt zu reden, wenn unsere Zunge versagt, geduldig zu schweigen, wenn Irrsinn uns rasend macht, einfühlsam zu erdulden, wenn Unglück uns verstummen lässt, und aufrecht zu sprechen, wenn mutige Worte erforderlich sind.

Dr. Martin Schulz-Rauch