Home Polizeipfarramt der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau Evangelische Kirche in Hessen und Nassau

Archiv: Meditationen

Dunkle Zeiten

Novembergedanken

November-Main - Foto: W.Hinz
November-Main - Foto: W.Hinz

....kommen auf uns zu!

Neblig ist er - der November - kalt und rau. Tagelang keine Sonne, alles regenverhangen und die ersten glatten Straßen. Frost kann zaghaft anklopfen - der Oleander muss in die Garage, die Rosen werfen letzte Blüten ab, die noch grünen Tomaten reifen nicht mehr. Endgültig vorbei der glühende Sommer, die lauen Nächte, die lockere Bekleidung - und die Weinmärkte schließen ihre Buden.

Dunkel ist er - der November - viel dunkler als Dezember und Januar. Obwohl dann die Tage objektiv noch kürzer sind. Doch den Dezember erhellen zahllose Lichterketten, Glühweinstände schießen aus dem Boden - und im Januar beginnen wir, Fastnacht zu feiern. So lässt es sich aushalten: Draußen finster und kalt - aber unser Herz wärmt von innen.

Ein stiller Monat - der November. Viel ruhiger als die hektische Adventszeit, wo jeder sich nach Ruhe sehnt und von Besinnung zu Besinnung hetzt. Im November spüren wir, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, daß entspannte Erholung der Strenge der Pflichten weicht und daß bunte Farben im grauen Alltag verblassen. Kein Zufall, dass wir im November unserer Toten gedenken - der Verstorbenen unserer Familien ebenso wie all der Kriegstoten unserer Vergangenheit und der grausamen Gegenwart. Aber auch jener Kollegen, die im vergangenen Jahr aus unserer Mitte gegangen sind - ebenso wie der 47 Gewaltopfer, die in Verrichtung ihres Dienstes ihr Leben lassen mussten.

Kein Monat ist geeigneter, uns der Endlichkeit jeden Lebens zu stellen. "Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden" (Psalm 90,12), mahnt die Weisheit in der Bibel. Keiner denkt gerne an den Tod - schon gar nicht an sein eigenes unausweichliches Ende. Viele scheuen Spaziergänge über den Friedhof und reagieren verunsichert, wenn Trauernde ihren Verlust beklagen. Und doch ist die Allgegenwart des Todes die Mutter der Klugheit. Klug ist, wer geerdet ist, wer mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht, wer zu einem soliden Urteil findet und dabei stets die Extreme meidet, sondern den mittleren Weg verfolgt. Klug ist nicht der Rätselkönig, den die Millionen-Euro-Frage nicht in Verlegenheit bringt - klug ist vielmehr, wer sein Leben respektgebietend meistert. Lebensklugheit aber formt und stärkt sich erst im Angesicht des Todes!

"Die Furcht des Herrn, ist der Weisheit Anfang" (Sprüche 9,10). Klug und weise werden wir letztlich nur im Kontakt mit Gott. Wer sich angewöhnt, stets auf den Herren zu schauen, bei ihm Orientierung und Trost zu suchen, wer im Beten spürt, wo oben und unten, wer Koch und wer Kellner ist und wo der Hammer hängt - der wächst an Weisheit und handelt in allen Lebenslagen zunehmend solider als kluger Mensch. Nutzen wir den November!

Dr. Martin Schulz-Rauch