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Neujahrsgedanken

"Seid barmherzig..."

Glasfenster "Die sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit" in der Kirche am Steinhof in Wien. Foto: S.Arnold
Glasfenster "Die sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit" in der Kirche am Steinhof in Wien. Foto: S.Arnold

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

eigentlich sollte hier die Einladung zur Neujahrsandacht stehen - doch wie in viele anderen Bereichen auch verhindert die aktuelle Lage dies. So stehen hier nun ein paar Gedanken zur Jahreslosung "Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!" (Lk 6,36). Unter diesem Motto hätte nämlich die Neujahrsandacht gestanden, die mein evangelischer Kollege und ich - für mich wäre es das erste Mal gewesen - gerne mit Ihnen gefeiert hätten.

Der Aufruf Jesu will das Miteinander der Menschen in eine möglichst hohe Form bringen. Jeder soll sich bewusst werden: Das erfahrene Gute durch andere mit eigenem Gut-Sein zu erwidern, ist ein schönes und lobenswertes Verhalten. Aber es bleibt im Austausch hängen: Gibst du mir, gebe ich dir. Jeder soll aber einen Schritt weiter zu echter Liebe hin gehen: Durch welches Verhalten meinerseits würde sich der andere freuen und beglückt sein?

Dabei hatte Jesus genügend Menschenkenntnis, um zu wissen, dass ein guter Umgang mit den Menschen, die uns Unrecht taten, eine besondere Herausforderung an uns ist. Auf Gutes mit Gutem zu reagieren, ist nicht allzu schwer. Aber auf bitter Erlittenes ein Sich-Rächen zu unterlassen, das kostet oft viel Kraft. Jesus baut eine Brücke und stellt das Verhalten Gottes in den Mittelpunkt: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Gott ist unendlich barmherzig. Von ihm sollen wir uns berühren lassen. Dies ist umso eher möglich und eine Hilfe, wenn uns klar ist, in welchem Umfang wir Menschen - vor allem auch wir selbst - immer wieder Gottes Barmherzigkeit erfahren. Das kann uns bewegen und helfen, jede Form von Rache-Nehmen zu unterlassen.

Jesus weiß, dass wir Menschen Grenzen haben. Aber er weiß auch, dass wir oft nicht bis an unsere Grenzen vordringen. Dabei will er uns nicht überfordern. Aber er möchte auch, dass wir es nicht bei der Bewunderung Gottes belassen. Von seinem Verhalten sollen wir möglichst viel übernehmen. Wie dies in der Praxis möglich ist, hat er am Beispiel der Liebe aufgezeigt. Die Krönung der Liebe liegt in der Barmherzigkeit, die auf jede Form von Wiedervergeltung und Rache verzichtet.

Würde Jesus vor uns stehen und zu uns sprechen, wäre seine Aufforderung an uns wohl die: Überprüfe dich immer wieder einmal, ob du der dir möglichen Liebe nicht zu schnell Grenzen setzt - besonders im Blick auf deine Gegner oder die, die dir unsympathisch sind. Könntest du in so manchen Punkten die Liebe nicht umfassender leben? Und die Antwort auf diese Frage - die kann sich nur jeder selbst geben.

Mit den besten Wünschen für das neue Jahr auch im Namen meines evangelischen Kollegen Pfr. Wolfgang Hinz

Ihr

Stephan Arnold, Kath. Polizeiseelsorger