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"Lasst uns Gutes tun an jedermann."

Betrachtung zu Gal 5,25-6,10

"Lasst uns Gutes tun an jedermann."

Ende der 70er Jahre überraschte Valentin Senger, Journalist und Redakteur im Hessischen Rundfunk, die Öffentlichkeit mit seiner Biographie "Kaiserhofstraße 12". Darin schildert er schnörkellos, wie seine Familie als Juden die Nazizeit in Frankfurt überstand. Deren Verwaltung setzte die menschenfeindlichen Erlasse mit besonderem Eifer um, wie unlängst das Historische Museum in der Ausstellung "Eine Stadt macht mit" offenbarte. Da ist es umso erstaunlicher, wie Zufälle und Fügungen die Familie Senger jahrelang vor Deportation und Tod bewahrten. Vielen anderen Frankfurterinnen war das nicht beschieden.

Ausführlich würdigt Valentin Senger den Polizeimeister Otto Kaspar. Angesichts amtlicher "Judenlisten" warnte der Beamte die Familie mehrfach vor Unachtsamkeit und Gefahren. Er manipulierte für sie sogar die Einwohnermeldekartei, indem er ihre Religionszugehörigkeit "mosaisch" in "Dissident" abwandelte und schließlich eine ganz neue Karte anlegte. Wäre Kaspar aufgeflogen, hätte das für ihn schwerwiegende Folgen gehabt. Valentin Senger resümiert: "Man könnte mit Recht fragen, was den Polizeimeister Kaspar veranlasst hat, eine so riskante Korrektur an unserer Einwohnerkarte vorzunehmen. Ich weiß es, bei Gott, nicht. Er tat es einfach."

Otto Kaspar war bereits gestorben, als Senger diesem stillen Helden sein Denkmal setzte. Auch Kaspars Familie war davon überrascht. Er selbst hat über diese Dinge wohl nie gesprochen. So bleibt es uns überlassen, mit dem Autor zu rätseln, was einen deutschen Beamten bewogen haben mag, derart gegen Dienstpflichten zu verstoßen und damit sein Auskommen, die Freiheit, gar sein Leben zu riskieren. War es die politisch linke Ausrichtung der Eltern Senger, wie der Sohn mutmaßt? War es Widerwille gegen das Naziregime und die Einbindung der Ordnungskräfte in Willkürmaßnahmen, konträr zum eigenen Berufsethos? Oder schlicht menschliche Anteilnahme am Schicksal der Ausgegrenzten und Verfolgten, gegründet in religiöser Überzeugung? Was Otto Kaspar dabei bewegte, wissen wir nicht.

Wenn ich den Abschnitt aus dem Galaterbrief (5,25-6,10) über ein Leben im Geiste Jesu lese und dessen Konsequenzen, scheint mir der Polizeimeister dem merklich nah. Die Lasten anderer wahrzunehmen und mitzutragen, hat er zweifellos verstanden. Er wollte "seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem andern" (6,4b). Rühmliche Beispiele waren nach dem Krieg durchaus gefragt, wenn auch rar. "Was der Mensch sät, wird er ernten" (6,7b) - für die meisten damals eine späte bittere Einsicht. Wie mag die Ernte für ihn ausgefallen sein? Sein Einsatz und das mahnende Schlusswort des Apostel Paulus haben jedenfalls nichts an Aktualität verloren: "Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen."

Letzteres mag Polizeimeister Otto Kaspar weniger beherzigt haben. Doch gerade auch deshalb taugt er heute als Vorbild in einem Berufsstand, der der Neutralität verpflichtet ist und jedermann zum Beistand in Notlagen. Die späte Ehrung jedenfalls durch Widmung einer Straße und die eines Versammlungsraumes im Frankfurter Polizeipräsidium hat er, bei Gott, einfach verdient.

Leitender Polizeipfarrer Wolfgang Hinz