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Texte

Totengedenken

"Ich weiß,.."

Gedenksteele der HPA,Wiesbaden
Gedenksteele der HPA,Wiesbaden

Auszug aus der Predigt November 2019 anlässlich des Gottesdienstes zum Totengedenken der Hessischen Polizei in der Paul-Gerhardt-Gemeinde, Wiesbaden-Kohlheck:

"Der Mensch sehnt sich danach, ganz zu sein", hat ein kluger Kopf mal festgestellt. Und das nicht nur im Sinne körperlicher Unversehrtheit - nein, auch im Blick auf seine Fähigkeiten und Möglichkeiten: ein ganzer Mensch. Dazu gehören auch die, denen man verbunden ist - in Liebe, in Freundschaft, vielleicht mehr als gedacht. Wie sehr, merken wir manchmal erst dann, wenn sie nicht mehr da sind, eine Lücke hinterlassen. Die Sehnsucht nach Ganzheit geht, je älter wir werden, einher mit der Erfahrung von Mangel, der Einsicht, dass menschliches Leben erst ganz werden muss. "Die unmittelbare Gegenwart des ganzen ungeteilten Daseins" (Schleiermacher) ist eine Erfahrung, die bestenfalls in eine heile Kindheit reicht, uns als Erwachsenen aber als Ziel, als Hoffnung vor Augen steht. Der Hoffnung, dass das Unerfüllte, Widersprüchliche in meinem Leben sich doch einmal lösen möge.

Die Bibel hat dieser Erfahrung ein ganzes Buch gewidmet: das Buch Hiob. Darin wird ein rechtschaffener Mann, Hiob eben, vorgestellt, der gottesfürchtig und wohlhabend einen bespiellosen Niedergang erleben muss - buchstäblich am eigenen Leibe. Er verliert im Lauf der Erzählung alles: seinen Besitz, seine Reputation, Freunde und Familie, seine Gesundheit. Gegen Ende der Geschichte liegt sein ganzes Leben in Trümmern und er kann sich nicht erklären, warum. Er weiß es einfach nicht. Was er aber weiß und was ihm bleibt, woran er unbedingt festhält, ist seine Überzeugung: "Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt." (Hiob19,25). Das hält ihn am Leben, aufrecht, auch wenn er in seinem Umfeld damit nur auf Unverständnis stößt. Er weiß es. Und diese Gewissheit wird nicht enttäuscht, bringt am Ende der Erzählung die Wende zum Guten. Die Bruchstücke seines Lebens fügen sich neu.

Wir würden aus heutiger Sicht die Geschichte von Hiob wohl eher so auf den Punkt bringen(mit Worten Jesu): "Sein Glaube hat ihm geholfen." Haben wir doch gelernt "Glauben heißt nicht wissen." Viele sind überzeugt: Der Glaube fängt da an, wo das Wissen aufhört. Wenn du nichts Genaues weißt, kannst du nur vermuten, bestenfalls glauben. Besser gesagt: Dann bleibt dir nur noch der irrationale, nicht nachvollziehbare Glaube.

Dieser Meinung liegt die Vorstellung zugrunde, dass "Wissen" allein den exakten, experimentell gesicherten Erkenntnissen in den Naturwissenschaften zukommt. Glauben hingegen sei lediglich eine unklare Vermutung, eine Art Überzeugung, in die man sich auch hineinsteigern kann. Glauben und Wissen lassen sich aber so einfach nicht auseinanderdividieren: "Beide, Religion und Naturwissenschaft, bedürfen des Glaubens an Gott; für die eine steht Gott am Anfang, für die andere am Ende allen Denkens und Wissens." (Max Planck)

Glauben hat auch mit Erkenntnis zu tun. Er ist mehr als ein Gefühl, als ein subjektiver Eindruck. Glaube betrifft alle Sinne. Er schließt Erfahrungswissen in sich, das man miteinander teilen kann. Martin Luther weiß: "Glaube ist eine lebendige und verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade." Die Erfahrung, dass Gott geholfen hat, die Zuversicht, dass er das wieder tun wird. Wenn die Fragmente meines Lebens sich so am Ende zu einem plausiblen Ganzen fügen, werden letzte Fragen obsolet.

Ltd. Polizeipfarrer Wolfgang Hinz