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Wenn draußen alles trüb und grau erkaltet ...

Fastnachtsbetrachtung

Wenn draußen alles trüb und grau erkaltet ...

dann beginnt in Mainz und ganz Rheinhessen die vierfarbbunte fünfte Jahreszeit. Besser kann man die verregneten Wochen nicht überstehen als mit närrischem Treiben, wenn die Sonne nicht vom Himmel, sondern aus jedem Glas entgegenlacht. Natürlich sind die tollen Tage für Polizeibeamte im Dienst eher kein Grund zum Feiern - wenn vermehrt alkoholisierte Fahrer unterwegs sind, halbstarke Jugendliche randalierend aus dem Ruder laufen und (zum Höhepunkt des Festes) Schnapsleichen vor dem Erfrieren zu bewahren sind. Und das alles auf dem Hintergrund einer erhöhten Gefahrenlage, die viel mehr Kräfte bindet, als es je in der Vergangenheit der Fall war.

Doch auch wer eher Fastnachtsmuffel ist und jetzt schon sehnsüchtig auf Ostern schielt: Feiern - geht immer. Anlässe sind schnell gefunden. Es sind nämlich gerade die Feste, die Licht und Leben ins graue Einerlei des Alltags leuchten. Mal nicht vernünftig sein zu müssen - den Überfluß genießen, wenn das Geld lockerer sitzt, entspannt dem Blödsinn huldigen, respektlos auf die Pauke hauen und beim Essen und Trinken über die Stränge schlagen ohne auf die Kalorienwaage zu schielen ? mal Fünfe gerade sein lassen und die Welt mit fremden Augen sehen: Urlaub für die Seele - mitten im tristen Winter. Um Grenzen achten und würdigen zu können -müssen wir sie gelegentlich gezielt überschreiten. Die Grenzen der Konvention und der Peinlichkeit, die Regeln unserer Ärzte und Ernährungsratgeber, die Distanz zwischen den Geschlechtern und Altersgruppen. Freilich: Grenzen sind begrenzt zu überschreiten. "Respect the Limit": Kenne Deine Grenzen - und achte die Grenzen Deiner Mitmenschen: Derer, die mit Dir feiern, und derer, die in ihrem Dienst dafür sorgen, daß wir gefahrenfrei feiern können. "Respect the Limit" - oder frei nach Rosa Luxemburg: Meine Freiheit endet an der Nasespritze des Anderen. Ein "Nein" muß ein "Nein" bleiben - nachdem man das ?Vielleicht? bis an seine Grenzen ausgetestet hat.

Feiern gehört zum Lebensglück! Auch Jesus hat gerne gefeiert - und das Gemecker der Mucker und Philister ignoriert. Der Gottessohn sei ein "Fresser und Weinsäufer", haben sie ihm vorgeworfen - kein vertrockneter, blutleerer Fanatiker, sondern ein lebenslustiger Heiliger (Matthäus 11,19). Und damit dürften sie recht gehabt haben. Schließlich war eine seiner ersten Amtshandlungen, bei der Hochzeit von Kana für Nachschub zu sorgen: Der Wein war alle, aber die Gäste noch durstig - der Albtraum jedes Gastgebers. Damit die Fete nicht vorschnell auseinander bricht, hat Jesus kurzerhand Wasser in Wein verwandelt (Johannes 2,1-11). Denn er wußte, daß Gott den Wein geschaffen hat, damit er "des Menschen Herz erfreue und sein Antlitz glänze" (Psalm 104,15). Bei dieser Feierlaune überrascht es nicht, daß Jesus seinen Jüngern das Fasten verbot: "Wie können die Hochzeitsgäste Leid tragen, solange der Bräutigam bei ihnen ist" (Matthäus 9,15). Folgerichtig besteht der Höhepunkt eines jeden Gottesdienstes aus Essen und Trinken ? ein einzigartiges Fest, die Feier des Heiligen Abendmahls oder der Heiligen Eucharistie, bei dem wir unsere innige Verbundenheit mit unserem Heiland und untereinander erleben dürfen. Dieses letzte Zusammenkommen am Abend des Pessachfestes, schließt Jesus, als fast alles ausgetrunken war, mit der Verheißung: "Wahrlich ist sage Euch, daß ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis zu dem Tag, an dem ich aufs Neue davon trinken werde im Reich Gottes" (Markus 14,25). Na wenn das mal keine Perspektive ist: Dort gibt es offensichtlich also was zu trinken! Und ich bin sicher - Gott serviert keinen sauren Schädelspalter. Ein gigantisches Fest im Reich unserer himmlischen Vaters, wie noch keiner es je erlebt hat, liegt vor uns! Ich freue mich drauf! Helau-Luja

Dr. Martin Schulz-Rauch