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Anstoß zum Nachdenken

Was hülfe es dem Menschen,...

Zum Monatsspruch September

Was hülfe es dem Menschen,...

... wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele! (Matthäus 16,26)

Was hilft es, Karriere zu machen, Reichtümer zu horten oder Spitzenfunktionen auszufüllen, bliebe aber im Herzen hart und arm? Was hilft es, ganz groß rauszukommen - aber die Partnerschaft bleibt auf der Strecke? Was hilft es, überall in der Welt etwas zu sagen zu haben - aber in der Familie herrscht Funkstille? Was hilft es, ständig in wichtigen Geschäften zu Gange zu sein, wenn gleichzeitig der Körper auslaugt und die Gesundheit vor die Hunde geht? Wie lächerlich ist der kleine Schritt eines Mannes auf dem Mond - mitnichten ein Meilenstein in der Geschichte der Menschheit - wenn gleichzeitig Kriege toben und der Mut fehlt, den kurzen Weg zu seinem Feinde zu schreiten?

Besserwisser, Dampfplauderer, Dummschwätzer: Kein Populismus ist ihnen zu schäbig, um ihn nicht lauthals heraus zu trompeten. Verblendet für die schlichte Realität, verschanzen sie sich in ihren echotönenden Kammern aus selbstgestrickten Verschwörungstheorien. Sie inszenieren meinungsstark ihr hochstapelndes Bescheidwissen, um die Dürftigkeit ihres Geisteslebens zu kaschieren. Wer Ungewohntes wie der Teufel das Weihwasser fürchtet, wer abweichende Meinungen für bedrohlich hält, wer Zweifel nicht erträgt und deshalb lieber auf klare Kante setzt: Der verpasst das wahre Leben und nimmt Schaden an seiner Seele.

Mit Glanz und Gloria lässt sich leicht von den Schattenseiten der eigenen Seele ablenken! Mit Pauken und Trompeten, mit wichtigtuerischem Geschwafel, mit arrogantem Getue wird wie beim Pfeifen im dunklen Wald Hilflosigkeit überspielt! Mit aufwendig dekorierten Schaufenstern - mein Haus, mein Auto, mein Urlaub - können bohrende Fragen im Hinterstübchen versteckt werden: Was mache ich hier überhaupt?! Was soll das ganze Theater?!

Doch wie können wir unsere Seele vor Schaden bewahren? Wie uns befreien aus dem Hamsterrad, etwas Bedeutsames sein zu wollen - koste es, was es wolle? Jesus gibt einen paradoxen Hinweis, der freilich zunächst hart klingt. "Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es erhalten!?

Wer sein Leben erhalten will - nicht wankt und weicht vom einmal gewonnenen Fleck; wer auf Biegen und Brechen sein Ding durchziehen will - zuhören, spüren, wahrnehmen für überflüssig hält; wer kompromisslos sein Mantra "Du-musst-mich-halt-nehmen-wie-ich-bin" vor sich herträgt: Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren. Der berühmte Mathematiker David Hilbert bemerkt dazu ironisch: "Manche Menschen haben einen Horizont mit dem Radius Null; das nennen sie dann ihren Standpunkt". Auf Standpunkten beharren, Horizonte reduzieren, Träume verspotten - so nimmt man Schaden an seiner Seele!

Wer sein Leben hingegen verliert um meinetwillen - und das kann bei Jesus nur heißen: Wer sein Leben um der Liebe willen verliert, der wird es gewinnen. Wer liebt, wird reich beschenkt, wer teilt, gewinnt doppelt, wer fürsorglich sich müht, bleibt nicht allein. Wer von seinem hohen Podest - das doch eigentlich nur ein wackeliges Brettergestell ist - herunterkrabbelt, Anderen auch mal Recht gibt und Fehler eingesteht; wer sich angreifbar macht und lernen will; wer den bunten Reichtum unserer Mitmenschen, ihre Phantasie und ihre Utopien entdecken will; wen das blühende Leben heraustreibt aus seiner selbstgebastelten Schachtel: Genau der wird sein Leben erhalten.

Wer sein Leben verliert um meinetwillen - sagt Jesus - wer sich auf Gott und den Glauben einlässt, wer dem Sohn Gottes nachfolgt und seinem Gebot der Nächsten- und der Feindesliebe nacheifert, wer sich von Geist Gottes beseelen und in seiner Not trösten lässt: Wer in seiner Weisheit bescheiden wird und dem HERRN vertraut, der wird das Leben in Fülle und Überfluß und Freude gewinnen.

Dr. Martin Schulz-Rauch