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Anstoß zum Nachdenken

Erntedank - die Fülle teilen

Zum Monatsspruch Oktober

Erntedank - die Fülle teilen

"Hast du viel, so gib reichlich von dem, was du besitzt; hast du wenig, dann zögere nicht, auch mit dem Wenigen Gutes zu tun." (Tobit Kapitel 4, Vers 8)

Aus dem Vollen schöpfen! Das Fest Erntedank führt die Fülle des Lebens vor Augen. Dankbar genießen wir Kürbissuppe und Zwiebelkuchen, Karottengemüse - und die scharfe Paprika vom Markt. Manche Bedienstete haben gekeltert und Apfelwein gemacht, andere verstehen sich auf das Einmachen von Marmelade oder das Kochen von Chutney. Die Regale im Keller oder in der Speisekammer sind gut gefüllt.

Aus dieser Fülle abgeben!? Gerne schon zur Erntezeit, wenn einem das ganze Obst zu viel Arbeit wird! Schön, wenn man jemandem ein Glas selbstgemachten Gelee mitbringen kann. Die Kirche freut sich über mitgebrachte Gaben. Sie dienen nicht nur als Schmuck für den Altar, sondern verwandeln sich nach dem Erntedankfest im Kindergarten oder bei der Tafel für Bedürftige zu leckeren Mittagessen. Aus der Fülle abgeben, fällt hier leicht.

Was ist, wenn man weniger hat? Ganz Arme geben oft von Herzen. Aber je höher das Einkommen, desto schwerer scheint es zu fallen, davon etwas abzugeben. Gemessen an ihren Möglichkeiten spenden Menschen mit wenig Einkommen deutlich mehr als Einkommensreiche, belegt eine Statistik des deutschen Spendenrats. Es sieht so aus, als ob die Ärmeren der biblischen Aufforderung aus dem Buch Tobit eher folgen als die Reicheren.

Reichlich vom eigenen Besitz abzugeben - eine echte Herausforderung. Es gilt, die individuelle Perspektive zu überwinden, das Ganze im Blick zu behalten.

Auch die Debatte um den Klimaschutz zeigt es: "Ja, damit der Wald nicht stirbt und unsere Lebensgrundlagen erhalten bleiben, muss man etwas tun. Aber kein Windpark bei mir vor der Tür!" "Kein Kohleausstieg bei uns im Revier!" "Keine wütenden Reden von jungen Frauen, die mir Vorhaltungen machen und womöglich etwas verbieten wollen."

Die Angst, etwas zu verlieren, eint. Menschen, die Sorge um ihre persönliche Zukunft haben, empören sich mit denen, die in Reichtum baden und nichts abgeben. Unheilige Koalitionen tun sich auf Kosten der Allgemeinheit auf. Gottes geschenkte Fülle dieser Erde will jedoch für alle bewahrt und gepflegt werden. Die Fülle ist da und soll noch nächste Generationen überall auf der Welt nähren und erfreuen.

Der Ratschlag von Tobit an seinen Sohn Tobias zielt darauf ab, das Leben ernsthaft miteinander zu teilen. "Hast du viel, so gib reichlich von dem, was du besitzt; hast du wenig, dann zögere nicht, auch mit dem Wenigen Gutes zu tun." Die väterliche Botschaft lautet: "Hab´ andere im Blick, dann wird auch Gott seinen Blick nicht von dir abwenden."

Ob es uns gelingt, diesen Blick einzuüben? Schauen wir auf die Fülle und geben reichlich davon ab. Dann spüren alle etwas vom Segen Gottes.

Polizeipfarrerin Barbara Görich-Reinel