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Anstoß zum Nachdenken

Advent

Worauf warten wir noch?

Ungeduldiges Drängeln: Keiner fehlt mehr - alles liegt bereit. Worauf warten wir denn eigentlich noch? Wann geht es endlich los? Fußballfans fiebern dem Anstoß entgegen, Kinder quengeln, wenn die Bescherung sich herausschleppt, und Hausbesitzer träumen davon, daß die bestellten Handwerker irgendwann auftauchen - um gleich wieder zu verschwinden. Warten, warten - nix als warten: Auf die S-Bahn, die Beförderung, die Gehaltserhöhung, den Urlaub, das Stau-Ende, den Zahnarzttermin.

Die Adventszeit zelebriert sogar das Warten - das prickelnde Warten, bis endlich, endlich es losgeht. "Advent, Advent - ein Lichtlein brennt": Vier ganze Kerzen noch - vier quälend lange Wochen, bis endlich Ruhe einkehrt. Der Hamburger Pfarrer und Waisenhausdirektor Johann Hinrich Wichern hat um 1830 den Adventskranz erfunden, um seine Zöglinge langsam auf das Christfest einzustimmen - das Warten auf den Heiland zugleich einzuschärfen und zu erleben.

Worauf warten wir noch - wann geht es endlich los? Schon der Prophet Jesaja hat 700 vor Christus ungeduldig darauf gewartet, daß endlich, endlich Gott auf dem Berg Zion erscheint und die Völker zum Frieden ruft - dass Schwerter zu Spaten und Kanonen in Pflüge umgeschmiedet werden (Jesaja 2,4). Daß endlich, endlich der Messias erscheint - und Friede werde auf Erden: "Die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst" (Jesaja 9,5)

Doch wir warten immer noch auf den Frieden - und werden mit Entsetzen Zeuge, wie Gewaltbereitschaft steigt und Rücksichtslosigkeit um sich greift: Wie groteske Potentaten mit Atomwaffen sich brüsten, populistische Wahrheitsverdreher das Friedensprojekt EU zerreden, dummdreiste Tölpel Handelskriege vom Zaun brechen und weltweit Polizisten in Ausübung ihres Dienstes ermordet und Journalisten beim Suchen nach der Wahrheit verfolgt werden.

Wir warten - und blicken zugleich auf Weihnachten voraus. Denn Weihnachten verspricht uns: Unser Warten wird nicht vergebens sein. An Weihnachten feiern wir unseren Glauben, unsere Gewißheit, unsere Hoffnung, der Friedefürst werde mit Sicherheit kommen. So wie einst der Engel verkündete: "Euch ist heute der Heiland geboren" - so ermutigt uns jedes Weihnachtsfest aufs Neue: "Fürchtet euch nicht. Siehe ich verkündige Euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird", wenn Friede werde auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens (Lukas 2,11.14).

Wir warten - und verzagen nicht. Wir durchwandern den Advent - halten Ausschau nach der großen Verheißung - und glauben fest daran, daß Frieden möglich ist und Ruhe uns geschenkt wird. Durchwandern wir also den Advent unseres Lebens mit dem Boten des Weihnachtsevangeliums - dem Evangelisten Lukas: "Seht auf und erhebt Eure Häupter, weil sich Eure Erlösung naht" (Lukas 21,28).

Dr. Martin Schulz-Rauch