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Anstoß zum Nachdenken

Gerechtigkeit

Zum Monatsspruch Juli

Haus zur "Goldenen Waage", Frankfurt  Foto: W.Hinz
Haus zur "Goldenen Waage", Frankfurt
Foto: W.Hinz

"Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maße der Liebe! Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den HERRN zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt!"

(Hosea 10,12 -Monatsspruch Juli)

Gerechtigkeit - ein Zauberwort, das ganze Parteiprogramme füllt. Generationengerechtigkeit, Lohngerechtigkeit, Chancengerechtigkeit, Rentengerechtigkeit. Verteilungsgerechtigkeit: Alles dreht sich um knappe Güter. Den Kuchen geschickt zerschneiden - die knappen Tortenstücke möglichst gerecht unter die Leute bringen. Jedem das Seine - "suum cuique": Alter römischer Rechtssatz, die klassische Definition der Gerechtigkeit schlechthin, die auf Cicero und den antiken Juristen Ulpian zurückgeht. Jedem das Seine - zynisches Motto über der Toreinfahrt des Konzentrationslagers Buchenwald. Jedem genau das, was ihm zusteht. Das und nicht weniger - und natürlich auch nicht mehr. Denn Leistung - so die gängige Überzeugung - muss sich lohnen.

Wenn die Propheten des Alten Testaments von Gerechtigkeit sprechen, dann geht es weder um knappe Güter, die es zu verteilen gilt, noch um menschenverachtende Straftheorien. Sondern es geht um ein Verhalten - ein Verhalten, das einer bestehenden Beziehung gerecht wird. Gerecht - in der Sicht der Propheten - ist dann jener, der seinem Partner in treuer Liebe anhängt, seine Kinder in selbstloser Fürsorge fördert. Gerecht ist jene, auf die ihre Kollegen bauen können, die ihren Freunden ein hilfsbereiter Kumpel ist. Gerecht ist, wer sich im Verein selbstlos engagiert, im Ortsbeirat zupackend sich einbringt, im Ehrenamt freigiebig seine Stärken investiert. Gerecht ist, wer beziehungsgerecht, wer bundesgetreu handelt.

Christen verbindet seit ihrer Taufe eine besondere Beziehung mit Gott, ein Bund fürs Leben sozusagen. Ein Bund, der Konsequenzen hat, der Gerechtigkeit fordert. Gott achtet Schwache und Hilflose - wie könnten wir ihnen die kalte Schulter zeigen. Gott liebt die Fremden - wie können wir sie ablehnen, vergraulen, verjagen und abschieben. Gott befreit aus Elend und Not: Gerechte vor Gott öffnen deshalb die Augen für die Gefangenen und Gefolterten, öffnen ihre Tore für Flüchtlinge und Verfolgte, öffnen ihre Sozialkassen für Hungernde und Geschundene, öffnen ihre Herzen und begegnen allen Kindern Gottes in Liebe - egal welcher Religion oder welchem Staat sie angehören.

Selbstsüchtige Hartherzigkeit, selbstgerechte Abschiebungen, selbstverliebte Rechthaberei - reimt dich nicht auf Gerechtigkeit. Christen, die das leugnen, lügen - sie lügen, wenn sie behaupten, Christen zu sein. Gerecht ist nur, wer liebt - selbstlos liebt - wie Gott jeden Fremden, Beschädigten und Verfolgten liebt.

Sät Gerechtigkeit und erntet mach dem Maß der Liebe.

Polizeipfarrer d.Martin Schulz-Rauch