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In Zeiten von Corona

Was ist schon gerecht?

Tugenden und Laster X

Brunnen auf dem Römerberg in Frankfurt
Brunnen auf dem Römerberg in Frankfurt

"Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden." (Matthäusevangelium Kapitel 5, Vers 6)

Was ist schon gerecht? Eltern versuchen ihren Kindern gegenüber gerecht zu sein, gleiche Anteile von Geschenken und Geld zu geben. Nur mit der Liebe klappt das nicht immer so. Früher wurde der Bub bevorzugt, dann wieder das Nesthäkchen. Die Polizei sorgt für Gerechtigkeit. Aber auch sie stößt an ihre Grenzen. Im Moment wird der Vorwurf des Rassismus heftig diskutiert. Zu Unrecht, weil die hiesige Polizei der Neutralität verpflichtet ist und ihr nachkommt. Zu Recht, weil es auch in Hessen nach innen und nach außen gerichtete Diskriminierungen gibt, weil es rassistische Beleidigungen gegen Beamte und gesellschaftliche Bedingungen gibt, die auf ein Racial Profiling rückschließen lassen. Nichts daran ist neu - doch die Aufmerksamkeit darauf zu schärfen ist in Zeiten von besonderer Sensibilität, von Sorge um die Benachteiligten naheliegend. Insofern geht es um das Verlangen nach Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit gibt es nicht! Enttäuschung, persönliche Erfahrungen von Ungerechtigkeit lähmen, sie behindern das stetige Bemühen um Gerechtigkeit. Der Glaube an Gerechtigkeit kann dort abhandenkommen, wo die ´Gerechtigkeit des Rechts` angezweifelt wird, eine ´gerechte Gesellschaft` auf sich warten lässt. Die Mahnung einer auf das Podest gehobenen halbnackten Jungfrau, die blind ist und deren Hände durch Schwert und Waage gebunden sind, hilft da auch nur bedingt.

Dagegen war ´Justitio` 2018 ein Symbol für den "gerechten Sieg" der Eintracht über die Bayern im DFB Pokalendspiel geworden. Nach Ärger und Enttäuschung, der Bekanntgabe des Trainerwechsels von Frankfurt nach München, verspürten Eintracht-Fans nicht nur Freude, sondern auch triumphierende Genugtuung über den starken Gegner. Diese wurde vom Künstler Uwe Grodd gleichsam mit aufs Korn genommen: ´Justitio` stand als winzige Holzfigur auf dem wegen Restaurierungsarbeiten leeren Sockel des Gerechtigkeitsbrunnens vor dem Frankfurter Römer, kaum zu erkennen. Doch der Gedanke, dass die Gerechtigkeit siegt, war kurzzeitig beflügelt.

Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit braucht Nahrung. Runter vom Sockel, wieder auf das Spielfeld. Menschliche Gerechtigkeit trifft auf Gottes Gerechtigkeit. Gewinnt sie, haben alle was davon. Im Ringen um gutes Leben macht Gott gerecht: nimmt Menschen bedingungslos an, spricht von Angst frei, vergibt Umkehrwilligen. Gott bringt Menschen zu Recht: Schutzlose und Entwürdigte werden aufgerichtet, gerechtfertigt. Gott schafft Gerechtigkeit, verbunden mit dem Zuspruch von Barmherzigkeit und Liebe, mit dem Anspruch, das Leben zu achten und zu fördern. Vertrauen wir Menschen diesem Tun Gottes, bereiten wir ihm Platz und Raum, kann Gerechtigkeit Wirklichkeit werden. So wirken Bilder von US-amerikanischen PolizistInnen, die zusammen mit DemonstrantInnen auf die Knie gehen auch in uns. Sie nähren die Hoffnung auf Gerechtigkeit.

Foto & Text: Barbara Görich-Reinel, Polizeipfarrerin