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In Zeiten von Corona

Wollust ...

Tugenden und Laster VIII

Wollust ...

...Lieblingstodsünde aller Spießer und Moralapostel! Lustvoll zerreißen "anständige" Leute sich das Maul und zerren anrüchige Seitensprünge unserer Promis gnadenlos hervor. Auch Fremdenfeinde nutzen reichlich das Vokabular wüster Unkeuschheit: Mit ihrem hemmungslosen Vermehrungstrieb rauben die Fremden "unsere" Frauen, der sexhungrige "afrikanische Ausbreitungstyp" verdrängt den keuschen "europäischen Platzhaltertyp". Die verheerende Brutalität der Wollust hingegen erleben wir gerade in Münster, wo die beispiellose sexuelle Ausbeutung von Kindern selbst erfahrene Ermittler an Grenzen bringt.

Doch menschenverachtender Missbrauch darf den Segen erfüllter Sexualität nicht zerstören. Gehören schließlich lustvoller Kitzel und beglückende Verschmelzung zu den kostbarsten Gaben des Schöpfergottes. Er beschenkt uns mit sexueller Lust wie mit berauschendem Wein, "um des Menschen Herz zu erfreuen" (Psalm 104,15). Das Paradies leuchtet, wenn Partner ihren Trieben folgen, Grenzen überschreiten und "ein Fleisch werden" (Genesis 2, 24). Niemals sind wir ausgelassener und fröhlicher als beim der Genuss der Gaumenfreuden und beim Stillen erotischen Appetits. Einzige Norm ist nicht der sittenstrenge Moralfinger sondern der Konsens der Partner. Diese Regel entlarvt pädophile Ausbeutung als Verbrechen: Denn mit Kindern kann schlichtweg kein Konsens in diesen Dingen hergestellt werden.

Billig aber moralinsaure Tiraden über die überschießende Wollust unserer Tage. Sorge bereitet das Leiden vieler Mitmenschen an unerfüllter Sexualität. "Oversexed und underfucked" (Iris Osswald-Rinner) ist keine sittenstrenge Klage sondern eine Diagnose ohne moralische Abwertung. Wir kreisen in unseren Reden umso mehr um Sex, je weniger wir erfüllten Sex erleben. Alle reden drüber, nur die Partner nicht. Groß das Schweigen in unseren Schlafzimmern. Scham unterdrückt erotische Wünsche und - um das Leiden daran zu mildern - verdammt sie in Bausch und Bogen. Menschenverachtende Wollust und Unterdrückung unserer Triebe sind die beiden Extrempole, zwischen denen die Tugend den guten mittleren Weg finden muss. Kriminelles Übermaß wie verklemmtes Untermaß darf die kostbare Gabe Gottes nicht zerstören.

Foto & Text: Dr. Martin Schulz-Rauch